Autor: Milan Rapp

Wir schreiben das Jahr 2004. Im Frühjahr entwickelt der 19 Jahre junge Harvard-Student Mark Zuckerberg eine Onlineplattform mit dem Namen Facebook. Insbesondere durch weitreichende Ergänzungen wie die Einführung der Like-Funktion (2008) oder des Echtzeit-Chats (2009) erlebt Facebook in den folgenden Jahren einen rasanten Aufstieg. Seit 2007 können Unternehmen eigene Profile erstellen, wodurch sie die Plattform auch in der Berufswelt zunehmend nutzen, um mehr Reichweite zu generieren.

Heute hat Facebook etwa 2,6 Milliarden aktive Nutzer in mehr als 200 Ländern und ist aus der Social-Media-Welt nicht mehr wegzudenken. Es hat zahlreiche, einst vielversprechende Konkurrenten wie StudiVz oder MySpace in der Versenkung verschwinden lassen und generiert auch weiter Rekordumsätze, gewinnt neue User und erweitert seine Möglichkeiten. Zeitweise war der Börsenwert von Facebook im Frühjahr 2020 auf 50% der gesamten Marktkapitalisierung der deutschen Dax30-Unternehmen gestiegen.

Dennoch zeichnet sich seit zwei Jahren, auch bedingt durch Skandale um Datenschutz und Fake-News, ein Trend ab, der ein Ende dieses unaufhaltsamen Höhenfluges erahnen lässt. Vor allem bei jüngeren Nutzern verliert Facebook zunehmend an Attraktivität; andere soziale Netzwerke wie Instagram, Snapchat oder TikTok werden beliebter und man beginnt, sich zu fragen: Hat Facebook als Business-Plattform noch eine Zukunft? Lohnt es sich für Unternehmen noch, Facebook aktiv zu bedienen? Kurz gesagt: Brauchen wir Facebook noch? 

Die nackten Zahlen sprechen dafür: Nie hatte Facebook so viele aktive Nutzer wie aktuell, jeden Tag kommen 500.000 neue Profile hinzu. Zum Vergleich: Das entspricht ungefähr den Einwohnerzahlen der deutschen Großstädte Dresden oder Bremen. Außerdem hat das Unternehmen mittlerweile 48.000 Mitarbeiter, was ebenfalls ein interner Rekord bei Facebook ist. Facebook investiert also auch weiter in großem Maße in die Zukunft. 

Wenn man einen genaueren Blick auf die Statistiken wirft, merkt man: Vor allem in Entwicklungsländern in Afrika und Asien hat die große Zeit von Facebook gerade erst begonnen, hier steigen die Nutzerzahlen am stärksten. 

Der Blick hinter die Zahlen zeigt aber auch: Der Zuwachs von Facebook ist vor allem Menschen aus älteren Generationen zu verdanken. Bei über 40-Jährigen scheint Facebook noch beliebt zu sein, allen Debatten um Datenschutz zum Trotz. 

Die jüngeren Nutzer wenden sich jedoch immer mehr ab. In einer Studie, welche das New Yorker Online-Magazin Business Insider 2019 veröffentlichte, gaben 30 Prozent der befragten US-Amerikaner zwischen 13 bis 21 an, Facebook genutzt zu haben, dies aber nicht mehr zu tun. Die Jugendlichen empfinden Facebook als überholt. Die Tatsache, dass immer mehr ihrer Eltern und Lehrer sich dort registrieren, wird die Attraktivität der Plattform für Jugendliche ebenfalls nicht gerade steigern. 

Diese Erkenntnisse sind für Facebook alarmierend, denn auch die früheren Beispiele von MySpace und Co. zeigen, dass sich der Anfang vom Ende stets in einer sinkenden Beliebtheit bei Jugendlichen ausdrückte. Der aktuelle Nutzerzuwachs ist also möglicherweise nicht von Dauer. Es gibt schlichtweg zu viele und zu gute Alternativen zu der mehr als 16 Jahre alten Plattform. Facebook bietet für viele junge Leute keinen ausreichenden Mehrwert mehr in der Welt der sozialen Netzwerke.

Und dennoch: So schnell wird ein Social-Media-Gigant nicht sterben. Man betrachte zum Beispiel die Übernahmen von Whatsapp und Instagram durch Facebook; beides sind Dienste, die sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen. Schon mehrmals hat Facebook bewiesen, dass es derartige Trends frühzeitig registrieren, darauf reagieren, und so im Wandel der Zeit bestehen kann.

Dass die Verantwortlichen eine klare Vorstellung haben, was sich in der Zukunft verändern muss, hat auch die groß nach außen getragene Neuausrichtung im Jahre 2019 gezeigt. Man reagierte auf die wachsende Skepsis in der Gesellschaft und verkündete, dass Privatsphäre und Datenschutz ab sofort oberste Priorität genießen würden. Auch gegen Diskriminierung und Hate-Speech wolle man entschlossener vorgehen, um ein respektvolles und gleichberechtigtes Miteinander auf der Plattform zu gewährleisten.

Mark Zuckerberg hat außerdem erkannt, dass das Integrieren von Stories, welche durch Snapchat den Markt eroberten, ein wichtiger Schritt für eine langfristig erfolgreiche Zukunft von Facebook ist. Generell ist eine Entwicklung weg vom klassischen Newsfeed und hin zu Stories und Privatnachrichten erkennbar. 

Wenn Facebook also weiterhin früh auf derartige Trends aufmerksam wird, diese dann übernimmt und weiterentwickelt, wird es für Emporkömmlinge mit kreativen Ideen schwer, Facebook von seiner jetzigen Führungsposition zu verdrängen.

Für Unternehmen ist Facebook beispielsweise als Kundenservice-Plattform geeignet: zum einen aufgrund der Vielzahl an Nutzern, zum anderen, weil die integrierten Service-Funktionen von Standardantworten bis zum sortierten Kategorisieren beantworteter Fragen viel besser sind als etwa bei Twitter oder Instagram.

Auch für zielgruppen-spezifisches Event- und Produktmarketing stellt Facebook weiterhin eine der vielversprechendsten Möglichkeiten dar. Neben Stories sind Facebook-Gruppen ein hilfreiches, unterstützendes Mittel. In Zeiten, in denen es immer schwieriger wird, eine hohe organische Reichweite zu erreichen, ermöglichen sie es, klar abgrenzbare Zielgruppen anzusprechen. Wir wissen: Interaktion und Community-Building sind heutzutage zwingend notwendig, um potenzielle Kunden langfristig zu binden. 

Darüber hinaus bietet Facebook im Bereich der Paid-Ads vielseitige Möglichkeiten für gezieltes Targeting, ohne dass Unternehmen allzu tief in die Tasche greifen müssen. Aufgrund seiner Größe verfügt das Netzwerk im Vergleich zu seinen Konkurrenten über umfangreiche Nutzerdaten, sodass zielgruppenorientiertes Advertising, zum Beispiel über Custom- und Lookalike Audiences, effektiv und zuverlässig möglich ist.

Weniger geeignet ist Facebook dagegen für Ambassador Strategien, wo sich eher die Business-Plattform LinkedIn anbietet. 

Bei der Frage, ob, oder in welcher Weise die Nutzung von Facebook lohnenswert ist, kommt es also stark auf die Zielgruppe an. Insbesondere für Unternehmen, welche Menschen über 30 adressieren möchten, lohnt es sich definitiv weiterhin, auf Facebook setzen. Es ist die beste, womöglich sogar die einzige Möglichkeit, auch diese Generationen flächendeckend und international auf in Social Media zu erreichen. Und auch wenn es um jüngere Menschen geht, sollte man Zuckerbergs einstiges Studentenprojekt noch keineswegs abschreiben: Denn von einem kann man ausgehen: dass er es stetig und gezielt ausbaut, anpasst und weiterentwickelt.